Zehn Elf, Fragen an... Ein Gespräch mit Julia Raich
Wolfgang
Die Musikbranche gilt doch immer als sehr stark männerdominiert. Hast du in deiner Laufbahn schon sexistische Bemerkungen oder respektloses Verhalten aufgrund eines Geschlechts erlebt? Oder gibt es irgendwas, was dir da besonders in Erinnerung geblieben ist?
Julia Raich
Also ja, gerade die Musikbranche ist in Machtpositionen sehr, sehr männerdominiert. Ich glaube aber nicht, dass das nur ein Problem der Musikbranche ist. Das findet man überall einfach auch in Firmenstrukturen, dass eben sehr männerdominierte Bereiche vorhanden sind. Und Respektlosigkeit erlebe ich eigentlich immer wieder und das beginnt oft schon im Kleinen. Ich glaube, dass viele Dinge gar nicht respektlos gemeint sind, aber dann so unterschwellig auch oft einfach mitkommen. Bestes Beispiel: Ich bin sehr viel allein unterwegs, auch mit meiner eigenen Anlage und ganz oft ist es so, dass irrsinnige Überraschungen drüber herrschen, dass ich das allein aufbauen, die Technik checken kann und so, wo ich mir denk, so ja: Wieso soll das eine Frau nicht auch können? Wo du dann gleich zuerst einmal als „Pupperl“ abgetan wirst, das sich halt nur nett hinstellt und singt und dann sehr viel Überraschung herrscht, was ich eigentlich dahinter auch noch alles mache. Was eben jetzt per se vielleicht nicht als Respektlosigkeit gemeint ist, aber eben zeigt, wie Frauen oft unterschätzt werden. Und das ist mir mein ganzes Leben lang immer wieder passiert, dass ich sehr, sehr unterschätzt werde. So nach dem Motto: „Ja, du traust dich da allein in der Disco singen, hast gar keine männliche Begleitung mit?“ Was auch schon zeigt: Wieso brauche ich eine männliche Begleitung in einer Disco, wo ich einen Auftritt habe? Das zeigt auch schon einfach, welche Strukturen und Erwartungen da vorhanden sind und sowas erlebe ich eigentlich immer wieder.
Wolfgang
Das sind schon die Geschlechterklischees, die da mitspielen und dir entgegentreten. Da denken sicher viele: „Ja, es ist halt das junge zarte Pupperl, und die kann das halt nicht.“
Julia Raich
Ja, und auch ein Beispiel: Mikrofonsound - ein absolutes Thema. Ich weiß, wie ich klingen will und wenn ich wohin komme und dann Soundcheck habe, mische ich mich da auch gerne ein. Es gibt auch ganz viele Situationen, wo es eh oft passt, dann muss man nichts sagen, aber wenn mir eben was nicht passt, dann sage ich’s auch, weil das ja auch einfach mein Arbeitsmaterial ist und nachher die Qualität vom Auftritt beeinflusst. Also quasi: „Ihr Frauen, ihr habt ja keine Ahnung und die Techniker wissen das schon“ und so. Also da gibt’s auch ganz oft Situationen, wo einem einfach die Expertise auch abgesprochen wird, nur weil man eine Frau ist, die Schlager singt. Und ich glaube im Schlager ist das noch einmal viel stärker vorhanden, weil das muss man auf der anderen Seite sagen, viele bewusst mit dem Klischee im Schlager auch spielen. Ich bin halt das kleine Haserl, das sich jetzt gerne auch vielleicht von selbst aus unterordnet. Wo man sich auch wieder fragen muss: Warum ist das notwendig? Warum erachten das manche als notwendig, dass sie sich als das kleine hilflose Haserl präsentieren?
Wolfgang
Ja, ist so. Es ist aber wirklich im Schlager sehr, sehr präsent da, dass Frauen da eher die, die wie soll ich sagen, die „Femme Fatale“ spielen und mit dem Körper ein bisschen mehr hantieren und bei den Männern ist es wieder anders. Das sind so ein bisschen die klassische Rollenbilder, die im Schlager da vorhanden sind, die ich in anderen Musikbranchen gar nicht so wahrnehme.
Julia Raich
Das ist auf jeden Fall so, aber das braucht immer zwei Seiten, weil es halt noch ganz viele gibt, die das bedienen und ich darf mich da nicht ausnehmen. Bis zu einem gewissen Grad tue ich es auch selbst, weil es halt einfach erwartet wird. Ich habe doch irgendwo eine Freude dran. Ich ziehe mich gern schön an, ich schminke mich gern und so. Aber, und da ertappe ich mich selbst oft dabei, wenn ich für einen Veranstalter noch nie gesungen habe, wo ich mir denke, eigentlich soll es scheissegal sein, wie ich zu dem Auftritt hinkomme. Wenn ich da in der Jogginghose und ungeschminkt hinkomme, soll das wurscht sein. Aber nein, ich schaue schon immer, wenn mich jemand noch nicht kennt, dass das irgendwie alles passt, denn als Frau wirst du gleich einmal gefragt, wenn du nicht geschminkt ist: „Bist krank oder geht es dir nicht gut?“ Da hast du dann halt auch oft nur die Wahl mitzuspielen, weil du ja auch einen guten Eindruck machen willst. Aber bei einem Mann wird das niemand sagen. Der kann auch schlampig angezogen zum Soundcheck kommen, ist alles völlig egal.
Wolfgang
Ja, es ist die Erwartungshaltung, die man einfach hat. Eine Frau muss einfach schön sein, muss präsent sein, das ist so. Und gleichzeitig wird der Frau ein bisschen die Intelligenz abgesprochen, finde ich. Man wird als Mensch, also gerade als Frau, definiert, wie man sich gibt. Und eben gerade in der Musikbranche, da ich merke das immer. Es ist immer so lustig, auch bei dir eben jetzt Facebook, wenn du jetzt zum Beispiel ein bestimmtes Outfit hast. Eine Jogginghose war es wieder zum Schluss. Dort habe ich dann Kommentare gelesen, wo ich auch gesagt habe, das geht gar nicht.
Julia Raich
Also, ich meine, man muss fairerweise sagen, bei dem Posting habe ich aktiv danach gefragt, dann ist das ja was anderes. Wenn ich jetzt schreibe, was gefällt euch besser, muss ich auch damit rechnen, dass mir wer sagt: „Das gefällt mir überhaupt nicht.“ Das ist auch in Ordnung. Aber was mich so nervt: Ich mache bewusst viele Sachen mit Inhalten. Wo es um Themen geht, und trotzdem wird es dann nur wieder drauf reduziert: „das Leiberl gefällt mir jetzt“ oder „es gefällt mir nicht“ und das ist einfach das Problem, dass der Inhalt völlig außen vorgelassen wird. Also das ist definitiv ein Thema, mit dem ich auf Social Media zu kämpfen habe. Dass ist immer wurscht, was ich tue, fast ausschließlich mein Aussehen bewertet wird. Und selten halt einmal Leute. Deshalb freue ich mich dann auch immer über Kommentare, wie von dir zum Beispiel, wo man merkt, okay, der hat sich das angeschaut, der kommentiert jetzt wirklich dahingehend, worum es auch geht, weil das viele überhaupt nicht interessiert. Und klar könnte ich es mir jetzt einfach machen. Früher bin ich auch auf den Zug ein bisschen aufgesprungen, dass ich mir denke: „Ja komm, du willst viele Likes, du willst viele Aufrufe, dann postest du halt ein Bikinifoto“. Aber ich gehe da jetzt bewusst dagegen vor, weil ich mir denke: „Nein, ich habe so viel mehr zu sagen und ich bin viel mehr!“ Egal, ob mich jetzt jemand im Bikini nett findet oder nicht. Was aber offensichtlich, wie man sieht, einen trotzdem nicht davor bewahrt, dass halt genau solche Kommentare immer wieder kommen.
Wolfgang
Ja, ich glaub, als Frau kannst du gar nicht gewinnen, oder? Da ist egal, wie du dich kleidest.
Julia Raich
Genau, es ist wurscht. Das Aussehen wird einmal an erster Stelle bewertet, egal in welche Richtung es geht. Und es ist ja von vielen sicher auch total nett gemeint. Ich mach mir auch die Mühe, meine persönlichen Nachrichten zu lesen. Und da bin ich dann schon jemand, der auch einmal zurückschreibt: „Hey, überleg dir doch einfach einmal, da du ständig nur mein Aussehen bewertest, ob das da gerade gefragt ist.“ Und ich dann Reaktionen gekriegt habe, „Na, das war ja nur nett gemeint“ und warum ich denn so schroff bin, wenn er mir nur ein Kompliment machen wollte? Die checken das gar nicht so, dass sie eine Person reduzieren, auch wenn es in erster Linie vielleicht nicht so gemeint war, aber sich halt keine Gedanken drüber machen, was das mit dem Gegenüber tut, egal in welche Richtung jetzt.
Wolfgang
So ist es. Wie du es eben sagst, viele meinen etwas ganz gut, aber sie sehen gar nicht, wie es ankommt oder was das für eine Wirkung erzeugen kann. Es ist eben genau das, was du vorher mit dem Make-up gesagt hast: „Du schaust krank aus.“, wenn du einfach kein Make-up trägst und einen natürlichen Hautton zeigst und da sieht man wieder mal einfach die Erwartungshaltung, die gegeben ist. Und das ist vielleicht auch in unserer Generation so, du bist ein bisschen jünger wie ich, also ich bin 45.
Julia Raich
Ja, ich werde im Dezember 42.
Wolfgang
Das liegt vielleicht an unserer Generation. Ich habe auch schon mit jüngeren Menschen gesprochen, die sich auch nicht schminken oder so, und die nehmen das auch tatsächlich so wahr. Aber bei denen ist es eher umgekehrt, wenn sie sich mal schminken „Was ist mit dir los?“ Und es ist eben, glaube ich, ein Problem unserer Generation, dass Männer einfach glauben, dass sie was Positives sagen und dann voll in das Fettnäpfchen treten.
Julia Raich
Wie man so schön sagt, gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.
Wolfgang
Ja, das trifft es sehr gut.
Julia Raich
Aber es fällt halt vielen, vor allem älteren Männern, vor allem in der Generation 50 plus, wahnsinnig schwer, von so einem strikten Rollenbild, dass sie offenbar ihr Leben lang gehabt haben, irgendwie wegzukommen und dann bisserl rechts und links davon zu denken.
Wolfgang
Ja, es ist schwierig. Aber das ist ja das, was ich versuche, ein bisschen zu erreichen, dass da eben die Männer ein bisschen nachdenken. Ich werde jetzt nicht jeden erreichen, oder die ganz Konservativen werde ich auch nicht erreichen. Die wären auch nicht das Ziel. Oder provozieren, das möchte ich gar nicht. So wie du es erlebst, und dass du die Leute dann darauf anredest. Damit erreicht man relativ viel.
Julia Raich
Oder auch ein Beispiel, das war, als ich eine Gage verhandelt habe für einen Auftritt am Telefon, da hat mal einer zu mir gesagt: „Ja, ja, Puperl, Schatzi, jetzt reg dich nicht auf, das machen wir schon.“ Wo ich mir denke, ich bin eh nicht, wie soll ich sagen, empfindlich. Auch sollte man aber nicht so empfindlich sein müssen, dass einen das stört. Ich bin da niemand, der jetzt eine Stunde beleidigt ist. Aber ich denke mir, wenn der auf eine viel jüngere Sängerin trifft, oder auf Leute, die sich das vielleicht mehr zu Herzen nehmen, kann man mit sowas echt eine ungute Stimmung erzeugen. Und mich stört es jetzt nicht, wenn wer zu mir sagt: „Ja Pupperl und Schatzi“, weil ich weiß eh, was ich kann, und das stelle ich auch nicht in Frage. Ist auch eine Altersfrage natürlich. Mit 20 hätte ich da was ganz anderes gesagt. Auf jeden Fall. Es ist eine Altersfrage und eine Erfahrungsfrage, aber warum muss ich mich von jemanden, mit dem ich gerade auf Augenhöhe über eine Gage spreche, als „Schatzi“ oder „Pupperl“ bezeichnen lassen? Ich sage ja auch nicht zu ihm „Ja, Burli, du zahlst aber schon, gell?“
Wolfgang
Wäre vielleicht eine Möglichkeit. Ich glaube zwar nicht, dass der dich dann buchen würde…
Julia Raich
Ja, das glaube ich auch nicht.
Wolfgang
Das ist aber dann die Situation. Eben, wenn du eine gewisse Erwartungshaltung nicht erfüllst, denn du verkaufst ja auch ein Bild. Also die die Julia auf der Bühne ist sicher auch wie die private Julia, aber gleichzeitig auch ein bisschen eine andere Person. Du verkaufst das ja auch ein bisschen.
Julia Raich
Natürlich, und das gehört auch bis zu einem gewissen Grad dazu. Und in dem Moment, wo man das macht, lässt man sich auch darauf ein. Das finde ich auch völlig in Ordnung. Klar, man sieht bei meinen Auftritten: Ich trete jetzt nicht im Rollkragenpulli auf, ist eine Entscheidung von mir, finde ich auch okay und stehe dahinter, aber wenn dann ein Veranstalter zu mir sagt: „Ja, aber du ziehst dann schon ein kurzes Rockerl an beim Auftritt?“ Da denke ich mir: „Wenn du mich buchst, dann musst du mir auch vertrauen, dass ich, für mein Empfinden, das gut mache und dass da alles mit dazu gehört, was einfach einen Julia Reich-Auftritt beinhaltet. Und du musst mir nicht sagen, was ich jetzt anziehen soll. Weil dann soll er bitte, deppert gesagt, eine Stripperin oder was auch immer buchen. Der kannst du dann sagen, was sie anziehen soll.
Wolfgang
Das ist sicher eine Situation, die du leider schon sehr oft erlebt haben wirst. Und wenn dich einer bucht, bucht er dich ja wegen der Stimmung, der Musik, das Gesamtpaket. Da ist das dann dabei. Aber man braucht keinen Menschen drauf zu reduzieren. Und wie du sagst: Wenn es mir nur ums Äußere geht, dann kann ich andere Personen buchen. Ja, die Bühnenoutfits sind teilweise sexy. Aber das ist gleichzeitig das, wo du dich wohlfühlst, das ist deine Grenze, die du setzt.
Julia Raich
Genau, und das ist keine Einladung dazu, dass jemand meine Grenze überschreitet.
Wolfgang
Genau.
Julia Raich
Ich habe letztens irgendwo einen Typen auf der Straße gesehen, der nur in der Hose und ohne Leiberl joggen war, weil es heiß ist. Ja, da wird nie irgendwer was Deppertes sagen wie. „Ja, der hat kein Leiberl an, das ist jetzt eine Einladung dazu, dass ich den belästige.“ Das ist wirklich ein Thema, das rein auf Frauen zutrifft.
Wolfgang
Ja, der weibliche Körper ist dermaßen sexualisiert. Also ich bin ja konditioniert. Wenn jetzt eine Frau schön ist, was ich hab’s ja auch, dass ich da hinschaue, aber man muss eben schon unterscheiden: starren ist was anderes wie schauen. Ich glaube, ein jeder schaut.
Julia Raich
Genau und ein ernst gemeintes, nettes und vor allem respektvolles Kompliment ist ja total in Ordnung, aber da kann man schon oft im Ton unterscheiden, wie es gemeint ist. Ich kann jemandem ein Kompliment zu seinem Aussehen machen, ohne dass ich die Frau darauf reduziere. Das ist leider eine Kunst, die wenige können. Und ich bin die Letzte, die da traurig drüber ist, wenn mir jemand ein respektvolles Kompliment macht, dann freue ich mich, freut uns ja alle. Aber wenn das Kompliment mit „ja, Pupperl“ beginnt, dann sind wir halt auf einer anderen Ebene.
Wolfgang
Oder es ist auch so: Viele versuchen mit einem Kompliment dann vielleicht was, erwarten einmal eine Gegenleistung. Das ist dann kein Kompliment mehr, dann ist es schon was anderes, weil ein Kompliment gebe ich, weil ich es eben sagen möchte. Und das war’s, dann drehe ich mich um und gehe. Das fällt mir oft auf bei Männern und Frauen, wenn sie was kommentieren, erwarten sie sich, dass die Frau jetzt sagt: „Ach mein Gott, das ist so nett, dass du das sagst.“ Man freut sich, ja, wie du auch sagst, aber es gibt keine Erwartungshaltung, punkt aus. Das ist ja auch wieder ein typisches Männerproblem, was existiert.
Julia Raich
Ja, absolut.
Wolfgang
Jetzt haben wir eh schon ein paar Fragen besprochen, die ich vorbereitet hatte.
Julia Raich
Ich wollte gerade fragen, ob ich eh nicht zu viel rede. *lacht*
Wolfgang
Nein, überhaupt nicht. Wir sind so im Redefluss, da haben wir schon ein paar Sachen durch. Da kommen wir eh gleich zu einem anderen Punkt: Wenn du solche Erfahrungen machst, egal ob Promoter oder jemand, der dich bucht und dich auf dein Aussehen ein bisschen reduziert. Wie fühlst du dich, wenn du deinen Auftritt hast, davor, danach, währenddessen, also irgendwie unsicher oder schaltest das weg?
Julia Raich
Nein, das gar nicht, aber wie gesagt, das ist eine Altersfrage und ich bin da prinzipiell ein sehr resoluter Typ. Und ich versuch dann auch immer, was zu verändern. Die richtige Methode zu finden, um es sehr charmant zu lösen. Ich tue ja mir selbst keinen Gefallen damit, wenn ich jetzt vorm Auftritt komplett auf Konfrontation gehe. Also, wenn so was vor einem Auftritt passiert, versuche ich, ich bin ja schlagfertig, etwas lustiges, aber bissiges zurückzusagen. Dann sind die Grenzen schnell wieder klar. Aber ich bin eine gestandene Frau und wie gesagt, das ärgert mich auch nicht. Aber das ist absolut eine Altersfrage. Wenn ich jemanden am Telefon habe oder wenn es um Vorgespräche geht, gehe ich damit anders um als in den sozialen Medien. Da werde ich nie beleidigte Antworten geben, weil ich glaube, dann wirst du halt auch schnell auf die Schiene gestellt: „Naja, bei der darf man nichts sagen“, sondern ich versuche den Leuten dann wirklich zu erklären: Auch wenn du mir damit jetzt nicht weh tust, aber wenn du eine andere triffst, die vielleicht irgendwie viel jünger ist oder unsicherer, dann kannst du echt Schaden erzeugen. Und das ist mir schon wahnsinnig wichtig, das den Leuten auch zu sagen. Mir hat irgendjemand einmal, das war bei meiner Single „Ich will nur“, gesagt - damals habe ich lustige Videos gepostet, wo ich immer gesagt habe, „Ich will nur“ und dann ist da irgendwas vorgekommen - „Ich will nur endlich einmal Schokolade essen“ und da hat mir tatsächlich einer geschrieben: „Ja, wenn ich mir den Bauch so anschaue, dann glaube ich, du hast die Schokolade wirklich gegessen.“ Und da habe ich ihm zurückgeschrieben, du, mir ist das wurscht, ich fühle mich wohl in meinem Körper. Aber was du damit bei jemand anderem anrichten kannst, überleg dir das einmal. Und ich muss aber auch sagen, ich habe dann immer gute und positive Reaktionen drauf, weil es überraschenderweise vielen Leuten gar nicht bewusst ist. „Ach so, ja, sorry, beim nächsten Mal denk ich nach“, das ist dann sehr oft die Reaktion und deswegen find ich es auch wichtig darauf hinzuweisen.
Wolfgang
Genau, also das ist auch, das ist der gute Ansatz, die Leute einfach darauf hinweisen, ohne die runterzumachen. Ich glaube, so erreicht man wirklich viel. Wie wir schon gesagt haben: Viele denken gar nicht nach. Die sagen einfach was, weil sie so aufgewachsen sind. Da kommt sowas raus. Und wie du sagst, es gibt Menschen, da weißt du nicht, hat der vielleicht eine Essstörung? Und damit kannst du schon viel kaputt machen.
Julia Raich
Eben. Der kennt mich ja nicht. Was ist, wenn ich die letzten 20 Jahre mit einer Essstörung kämpfe, der mir dann so was schreibt und dass dann der Auslöser dafür ist, dass die wieder kommt? Das sind eben, also das kann eine Tragweite für Menschen haben, die man sich gar nicht bewusst macht, wie gefährlich das auch sein kann. Ich persönlich denke mir da: „Ja komm, passt schon“ und es ist wieder erledigt, aber jemand anderes vielleicht nicht. Und das wollte ich auch noch sagen, was ich natürlich auch oft habe, aber ausschließlich in sozialen Medien, dass mir jemand wirklich derbe, sexuell übergriffige Nachrichten schreibt. Darauf reagiere ich wirklich gar nicht, weil ich mir dann auch oft denke: Erstens, jemand, der so respektlose Worte findet, der hat keine Reaktion verdient. Und wenn jemand so was Arges schreibt, dann ist mir auch klar, egal, was ich dem jetzt schreibe, der lässt sich sowieso nicht bekehren, weil wenn er da irgendwas in ihm wäre, dann würde er niemals einer Frau so was schreiben.
Wolfgang
Ja, das ist dann einfach die sexuelle Lust befriedigen, dass sie durch sexuelle Nötigung machen. Eben wie die berühmten D*ckpics, die zum Glück jetzt verboten sind.
Julia Raich
Genau, seither habe ich auch kein einziges mehr gekriegt. Also das war wirklich ein wichtiger Schritt, wenn es dann Geld kostet und irgendwie potenziell vor einen Richter geht, ist es schnell einmal vorbei mit dem Mut.
Wolfgang
Ja, das ist gut, auch ein Fake-Account schützt nicht vor dem Ausforschen, das haben viele mehr lernen müssen.
Julia Raich
Ja. Und du siehst bei Instagram in den Nachrichtenanfragen die Nachrichten in der Vorschau und musst das aber erst annehmen, dass der sieht, dass ich es gelesen habe. Und mir ist bei vielen klar, denen reicht das schon allein als Befriedigung, wenn die sehen, ich habe diese Nachricht gelesen. Und das ist auch mit ein Grund, warum ich das gar nicht annehme oder irgendwie reagiere, weil ich mir denke, so respektloses Verhalten hat einfach keine Reaktion verdient.
Wolfgang
Ja, du bist da nicht in DEM professionellen Gewerbe, was das jetzt unterstützen könnte. Das sind Menschen, die eine Fantasie haben, und dich benutzen. Das ist nur eine Nötigung. Und ja, es ist, glaube ich, ein generelles Problem, ein schwieriges Problem, was jetzt eben Gott sei Dank besser geworden ist.
Julia Raich
Ja, also das war wirklich, wirklich ein wichtiger Schritt, weil da merke ich einen massiven Unterschied.
Gott sei Dank, ja.
Wolfgang
Freut mich. Hast du persönlich schon mal was überlebt, was eindeutig über deine Grenze gegangen ist? Und wenn, hast du dann Hilfe gesucht? Oder hast du, als du die Schlagerprinzessin warst (jetzt bist du ja die Schlagerqueen) vielleicht mal etwas zugelassen, was außer deiner Komfortzone war?
Julia Raich
Ich würde drüber reden, aber zum Glück ist mir noch nie wirklich was Arges passiert. Die 2 ärgsten Sachen (und da gibt es sicher Frauen, die viel Ärgeres erlebt haben), die mir passiert sind: Das ist sicher schon 10 Jahre her, hat sich mir irgendeinen Typ online als professioneller Fotograf dargestellt. Er möchte mich gerne für eine Modekampagne buchen. Mittlerweile habe ich ja ein Management, an das ich solche Anfragen verweise. Dann merkst du eh recht schnell, ob das seriös ist oder nicht, weil wenn es irgendein Hanswurst ist, dem es um was anderes geht, ist es meist eh damit gegessen. Das war aber damals noch nicht so. Und dann hat der mir auch Links zu Labels geschickt, wo er fotografieren will. Wir hatten schon Gage und einen Ort ausgemacht. Und dann hat er mir immer weitergeschrieben, ob ich auch Bilder in Unterwäsche machen würde. Und da habe ich mir schon gedacht: „Hm, ich weiß nicht.“ Das habe ich früher schon einmal gemacht, allerdings für eine sehr gute Freundin, die ein Unterwäschegeschäft hatte. Das ist dann noch einmal in einem anderen Kontext und war auch ein Safe Space. Aber das war mir schon ein bisschen unangenehm. Ich habe gesagt: „Na ja, kann man schon besprechen und so“. Es hat sich immer so weitergesponnen, bis sich dann eigentlich herausgestellt hat, dass sich der mit mir treffen will und mich irgendwo privat nackt fotografieren will. Das hat mich damals sehr aufgewühlt. Auch weil ich mir gedacht hab: „Hey, wie naiv bin ich, dass ich auf sowas reinfalle“. Und wie schnell hätte es auch einmal dahin gehen können, dass ich mit dem wirklich irgendwo hinfahre und der dann da steht und weiß Gott was tut. Also da wäre ich jetzt nicht mehr so naiv, aber vor 10 Jahren, das hat mich schon sehr aufgewühlt. Eben auch, weil ich mir gedacht hab_ „Scheisse, wie kann ich denn bei sowas landen?“ Beinahe, dass ich mich da selber ein bisschen mitschuldig gefühlt habe, weil ich es nicht schneller gecheckt hab. Und dann, das ist gar nicht so lange her, hat mir tatsächlich einmal bei einem Auftritt jemand versucht, eine am Hintern zu hauen, mitten in der 1. Reihe im Publikum. Das waren Sitzreihen und da war aber meine beste Freundin mit, die gefilmt hat. Die ist sofort eingeschritten. Leider war der dann nachher sehr schnell weg, sonst hätte ich mir den schon noch zur Brust genommen.
Wolfgang
Gott sei Dank, dass du da eine Freundin hast, die da eingegriffen hat.
Julia Raich
Die ist streng, da gibt es gleich Haue zurück.
Wolfgang
Passt. Während du singst oder sowas, kannst du auf sowas sehr schwer reagieren, denn die Show läuft ja weiter. Aber was würdest du wirklich machen? Also würdest du den Song unterbrechen? Dass du von dem weggehst ist klar.
Julia Raich
Ganz schwierige Frage, weil du halt auch dann irgendwie denkst: „Ich bin da, weil ich singen will.“ Das ist, worum es geht, und riskiere jetzt den Auftritt aufgrund dessen, dass ich da so ein Riesenthema draus mache? Ich glaube im Zweifelsfall würde ich in der Sekunde als Reaktion einfach weitermachen. Du hast ja gar nicht diese Nachdenkzeit, wie du jetzt vorgehst, aber eigentlich wäre es schon sinnvoller, dem zu sagen: „Hey, was ist da jetzt?“ Aber damit polarisierst du natürlich auch wieder. Also es ist immer so, das ist immer eine schwierige Grenze.
Wolfgang
Ja, das glaube ich.
Julia Raich
Da würde auch gezwungen werden, bei so eine Situation während eines Auftritts, für den ich bezahlt werde, auf ein ganz anderes Thema einzugehen und den Auftritt zu unterbrechen, wofür ich überhaupt gar nicht da bin. Weil sich einfach einer nicht gescheit verhalten kann.
Wolfgang
Ja, das ist wirklich ein schwieriges Thema. Da brauchst du Fingerspitzengefühl. Wie ist denn dein Sicherheitsgefühl, wenn du nach einem Auftritt mit den Fans noch Kontakt hast? Und du merkst, da ist einer dabei, der ist ein bisschen aufdringlicher, weil es halt manche Fans gibt, die mit Grenzen ein bisschen Schwierigkeiten haben, das aber nicht böse meinen. Wie ist denn das dann, wenn du dann auf dem Weg nach Hause bist? Ist das dann irgendwie so, dass du sagst, OK, hoffentlich verfolgt der mich nicht?
Julia Raich
Nein, da hatte ich eigentlich noch nie eine ungute Situation. Im persönlichen Kontakt werden die Grenzen oft viel mehr gewahrt als in den sozialen Medien. Da ist es eigentlich so, dass ich immer gute und nette Begegnungen habe. Es gibt dann oft so Künstler, die auch dann immer so ein bisschen den Sicherheitsabstand waren. Ich mag aber das Nachher. Ich umarme die Leute gern. Ich nehme die auch rechts und links her für ein Foto und so. Ich habe dann null Berührungsängste und ich glaube, wenn du dich da selbst ein bisschen distanzierst, dann lädst du sie vielleicht eher ein, als wenn du ihnen das Gefühl gibst, ja, die kann ich mal eh einmal so hernehmen und dann passt es wieder. Und da hatte ich auch noch nie eine ungute Situation. Und vor allem ich bin ja nachher nicht irgendwo, dass ich jetzt noch Kilometer weit gehe oder öffentlich unterwegs bin. Ich steige nach dem Auftritt irgendwann an der Seite ins Auto ein und fahre weg.
Wolfgang
Super. Ja, also, dass du sehr Fan-nahe bist, das sieht man ja auch immer. Das ist sehr toll. Man freut sich ja immer, wenn man einen Künstler, den man gerne hat, sich Zeit nimmt. Da fühlt man sich als Fan auch sehr geschätzt.
Julia Raich
Der Grund, warum ich das machen kann, ist ja, weil die Leute meine Musik hören und das ist ja auch das Schöne und Tolle an den Auftritten und ich bin eine wahnsinnig gesellige Person und ich mag Menschen einfach. Also ich mag dieses Abgehobene von oben herab einfach überhaupt nicht. Und auch durch meinen Fernsehjob, ich bin ständig ganz nah an irgendwelchen Situationen dran, weil ich das liebe und die Begegnung mit Menschen und den Austausch einfach liebe.
Wolfgang
Ja, super. Gibt’s irgendwas, bei dem du sagst, das könnte ein Veranstalter bzw. ein Promoter verbessern, damit die Grenzen besser wahrgenommen werden oder junge Künstlerinnen, die noch nicht das nötige Selbstbewusstsein haben, dass es denen besser geht?
Julia Raich
Was ich gerade oft in so Großraumdiscos immer wieder erlebe, auch wenn sich da jetzt die Leute nicht komplett respektlos verhalten. Aber dass man als Künstlerin mehr das Gefühl hätte: Wenn da jetzt wirklich irgendwas ist, wenn dir wer zu nahekommt oder ungut wird, dass da auch jemand eingreift. Ich habe es oft erlebt. Wo dann sehr viele einfach betrunken sind, und das sind vor allem Männer. Wenn eine Künstlerin kommt, der sie dann eben sehr nahekommen oder wo man mal sagen muss; „Hey, jetzt setz dich wieder hin, du darfst einmal mitsingen und passt schon.“ Wie gesagt, ich habe meine Mittel, um solche Situationen zu entschärfen. Ich habe aber trotzdem nicht das Gefühl, wenn das jetzt weitergehen würde und ich mich selbst nicht so charmant wehren und die Situation unter Kontrolle hätte, dass dann jemand da wäre, der mir hilft und das ist schon so ein Punkt. Du bist halt immer auf dich allein gestellt, dass du die Leute wieder beruhigst und so die Menge unter Kontrolle hältst. Also du bist da auch so ein bisschen die Dompteurin. Wie gesagt, das ist etwas, was man lernt und was ich mittlerweile sehr gut perfektioniert habe, aber bei einer 20-Jährigen, die jetzt den dritten Auftritt hat, da bin ich mir nicht so sicher.
Wolfgang
Das Ganze ist schwierig, Wenn man da eine Security auf die Bühne stellt, wirkt es wieder distanziert. Und das ist dann wieder, ich glaube, der Musik auch nicht förderlich, eben weil gerade Schlager lebt: Eben von der Begegnung.
Julia Raich
Ja, da habe ich ein totales Gegenbeispiel: Einmal hatte ich einen Auftritt. Da hatte ich einen Security vor meiner Garderobentür und der hat mich nicht einmal allein aufs Klo gehen lassen. Zu dem hab ich gesagt: „Du, es ist total nett, aber ich glaube, ich bin jetzt nicht Helene Fischer. Ich schaffe es allein aufs Klo und wieder zurück.“ Aber das habe ich nur einmal erlebt.
Wolfgang
Ja. Also, die Fragen, die ich vorbereitet habe, die haben wir eigentlich alle beantwortet. Gibt es noch irgendeinen Punkt, vielleicht magst du noch irgendwas sagen, was dir vielleicht noch auf dem Herzen liegt dahingehend?
Julia Raich
Vielleicht dass man sich gerade aus Männersicht einmal Gedanken drüber macht: Wie ein vermeintliches Kompliment, oder etwas, das jemand vielleicht nett meint, trotzdem was Negatives beim Gegenüber auslösen kann, weil die Person einfach andere Erfahrungen hat und vielleicht auch eine ganz andere Geschichte mitbringt und dass man lieber zu vorsichtig ist, als dass man sich denkt, ja, das wird schon passen. Einfach selber mehr Bewusstsein dafür hat, eh wie bei allem im Leben, wie das potenziell, was ich jetzt der Person sage oder der Frau in dem Fall auch alles auslösen kann. Auch wenn ich es selbst gut meine. Einfach ein überlegterer Umgang miteinander, gerade von Männerseite.